1. Veröffentlicht am 9. Januar 2014

    Tribüne Die Energie und Verkehrswende gibt es nur im Duo.
    Jürg Grossen

    Bei Bundesrätin Doris Leuthard fällt der wachsende Widerspruch zwischen Energie- und Verkehrspolitik auf. Während sie sich wegen des Atomausstiegs zu Recht als grüne Hoffnungs trägerin präsentieren durfte, geht ihr Engagement in der Verkehrspolitik nicht weit genug. Die Energiewende bleibt ohne Reduktion des CO2-Ausstosses im Verkehr ein unvollständiges Stückwerk, wie der «Bund» am 24. Dezember richtig schrieb. Der neue Verlagerungsbericht zeigt diesen Gegensatz in aller Deutlichkeit. Der Bundesrat kommt zum Schluss, dass man sich gegen die Lastwagenflut durch die Alpen nicht stärker wehren könne. Die Motivation, etwas für die Verlagerung des Schwerverkehrs auf die Schiene zu tun, scheint verflogen: Der Bundesrat liegt wie ein Käfer auf dem Rücken und jammert, anstatt sich mit griffigen Massnahmen wieder auf die Beine zu helfen. Schlimmer noch: Leuthard als zuständige Bundesrätin zieht es vor, das Verlagerungsziel infrage zu stellen. Neue Lastwagen seien bald so gut, dass die Bevölkerung in den Alpen nicht mehr lang auf «grenzwertig saubere Luft» warten müsse.

    Keine zweite Röhre
    Statistiken zeigen jedoch, dass Lastwagen alles andere als «sauber» sind. In Europa sind sie für ein Viertel der CO2-Emissionen des Verkehrs verantwortlich – Tendenz steigend. Die Motoren der  Lastwagen sind in den letzten 25 Jahren nicht effizienter geworden. Neue Filter haben zwar eine Senkung der Stickstoff- und Feinstaubemissionen erlaubt, aber gleichzeitig die Effizienz verschlechtert. Parallel dazu hat sich der Transitverkehr verdoppelt, und die Prognosen zeigen europaweit nach oben. Die zweite Röhre am Gotthard wäre die bequemste Antwort auf diese Entwicklung. Der Bundesrat soll aber nicht den einfachsten, sondern  den vom Volk beschlossenen Weg einschlagen – und der heisst Verlagerung. Das ist nicht nur wichtig, um die Alpen vor Feinstaub und Schwefeloxiden zu schützen, es geht auch darum, die steigenden CO2-Emissionen des  Schwerverkehrs zu senken. Denn ohne Verkehr gibt es auch keine Energiewende. * Jürg Grossen (GLP) ist Nationalrat und Mitglied der Verkehrskommission

    Der Bund – Mittwoch, 8. Januar 2014